Samstag, 29. Oktober 2011

Kartoffel-Kresseragout aus Märchenhafte Schmeckerlüste

Sababurg
Nordhessen hat kulinarisch einiges zu bieten. Das haben wir schon ausgiebig erläutert und werden dies auch weiterhin tun, weil das Thema Kulinarisches aus Nordhessen sicher noch nicht ausgeschöpft ist. Dass ich mit dieser Meinung nicht alleine dastehe wird von einigen Leuten gerne bezweifelt, ist aber so. Unterstützt werde ich neuerdings durch ein Kochbuch aus Nordhessen - Märchenhafte Schmeckerlüste. Schon beim Lesen des Titels kann man sich denken, dass es sich nicht nur um ein schlichtes Kochbuch handelt, sondern eine besondere Geschichte auf den über 250 Seiten auf einen wartet. Und so ist es auch.

Nordhessen ist nämlich die Heimat weltbekannter Märchenschreiber. Niemand geringeres als die Brüder Grimm verbrachten einen Großteil ihres Lebens im schönen Nordhessen rund um die Stadt Kassel. Eine Reihe von Märchen sind hier entstanden und viele der Kulissen, die die Brüder Grimm in ihren Märchen beschreiben finden sich im schönen Nordhessen. Man denke nur an den Frau Holle-Teich auf dem Hohen Meißner oder das Dornröschenschloss Sababurg im Reinhardswald. Pfiffige Marketingmanager haben aus diesem Grund Nordhessen zur GrimmHeimat erklärt und vermarkten unsere Region sehr schön und erfolgreich durch die Märchen der Grimms.

Ein Hervorbringsel dieser Vermarktungsstrategie ist das angesprochene Kochbuch Märchenhafte Schmeckerlüste, herausgegeben von Günther Koseck und Pierre Schlosser. Sie haben die Märchen der Brüder Grimm, die Vorliebe der Nordhessen für gutes Essen und das regionale Marketing zusammengeführt und ein Buch geschaffen, dass für Märchenfans ebensoviel bereithält wie für kulinarisch Interessierte und auch Gäste und Einwohner der Region Nordhessen, die auf der Suche nach tollen Restaurants sind.

Eine ganze Reihe erstklassiger Restaurants aus der Region stehen in diesem Buch nämlich Pate für ihr Lieblingsmärchen und haben auf Basis dieser Gerichte entwickelt, die sich im Buch und auch auf ihren Speisekarten wiederfinden. Geprägt sind die Rezepte natürlich von dem, was die Region so hergibt. Gezaubert wurden die Rezepte von tollen Köchen, die in den besten Restaurants der Region arbeiten. Erwähnt seien nur das Sternerestaurant im Hotel Hohenhaus, Göbel's Schlosshotel Prinz von Hessen oder das Brauhaus Knallhütte, in dem schon zu Zeiten der Brüder Grimm die Geschichten der Region erzählt wurden.

Klingt bis hierhin enorm spannend, finde ich. Schauen wir uns aber mal an, wie dieses Buch den Bewertungskategorien der No Kitchen For Old Men standhält:

Rezepte - ★★★★★☆☆
Die Rezepte im Buch haben die verschiedenen Restaurants auf Basis ihrer Lieblingsmärchen kreiert. Alle Topmärchen der Brüder Grimm sind dabei vertreten. Der Kuchen aus Rotkäppchens Korb, Frau Holles Schneeballtorte oder Dornröschens Hochzeitsmenü von der Sababurg. Viele Rezepte haben natürlich keinen direkten Bezug zum Märchen, weil nicht jedes Märchen voll ist mit Rezepten und Anspielungen auf Essen. Dann haben die Küchenchefs aber große Kreativität bewiesen und tolle Rezepte mit regionalen Zutaten kreiert. Von der Vorspeise über einen üppigen Hauptgang bis hin zu leckeren Desserts ist alles im Buch vertreten. Die meisten Rezepte sind allerdings nichts für Kochanfänger, wie ich finde, da viele Sachen schon sehr aufwändig sind. Auch die Zutaten sind mitunter nicht leicht zu besorgen, wie zum Beispiel der Milchferkelrücken oder die Brust eines Schwarzfederhuhns. Ihr sehr, es sind viele exklusivere Zutaten am Start, die sich aber durchaus ersetzen lassen. Allgemein ist das Buch sehr fleischlastig, weshalb George von einer Buchbesorechung abgesehen hat. Neben den erwähnten aussergewöhnlichen Fleischsachenfindet sich vor allem Wild in Form von Reh, Hirsch und Wildschwein in den Rezepten wieder. Kein Wunder bei den vielen Wäldern, die es bei uns gibt. Regional eben! Neben der Märchenrezepten finden sich auch einige Neuinterpretationen von Originalrezepten aus dem Hause Grimm, sowie Themenrezepte zu regionalen Spezialitäten, wie der Ahlen Wurscht. Ich habe eine ganze Reihe von Rezepten nachgekocht und war immer zufrieden. Sie sind gelungen und haben sehr gut geschmackt. Viele Rezepte sind nichts für den täglichen Gebrauch und eignen sich eher für die besonderen Momente im Leben und sind dafür ganz hervorragend geeignet. Was ich als Kritikpunkt noch anmerken möchte ist, dass es von den Originalrezepten der Grimms leider nur Neuinterpretationen ins Buch geschafft haben. Gerne hätte ich mal ein echtes Originalrezept aus dieser Zeit nachgekocht oder versucht, selbst neu zu interpretieren.

Fotos - ★★★★★☆☆
Zu jedem Gericht findet man im Buch ein Foto und diese sind auch durchaus gut, wirken durch das Layout und die Aufmachung noch etwas edler, als sie es vielleicht sind. Zudem gibt es eine Doppelseite auf der die Restaurants vorgestellt werden und man findet Fotos von Köchen und Ambiente der jeweiligen Location. Für meinen Geschmack hätten es noch ein paar mehr Bilder der Region und den Orten sein dürfen, an denen die Märchen sich zugetragen haben sollen. 

Übersichtlichkeit - ★★★☆☆☆☆
Die Rezepte sind sehr übersichtlich gestaltet, besser als in manch anderem Kochbuch. Jede Komponente wird einzeln mit Zutaten aufgeführt und beschrieben. Gibt es zum Beispiel Walnusstörtchen mit Nougatparfait an warmen Schattenmorellen, so gibt es ein Rezept mit Zutatenliste und Anleitung sowohl für Walnusstörtchen, Nougatparfait und Schattenmorellen. Ich finde sowas aus dem Grund praktisch, weil man auch mal einzelne Komponenten rausgreifen und nachkochen kann oder anders kombinieren kann, ohne sich Zutaten und Ablauf aus dem kompletten Rezepttext heraussuchen muss. Gegliedert ist das Buch nach Märchen und deren Patenrestaurants und nicht nach beispielsweise Vorspeise, Hauptgang, Dessert. Das kann ein gewissen Durcheinander schaffen, muss aber aufgrund der Konzeption des Buches einfach so sein. Das wäre auch gar kein Problem, wenn das zugehörige Rezeptregister nicht so furchtbar schlecht wäre. Dieses ist dann nämlich gegliedert nach Vorspeise, Hauptspeise Fleisch, Hauptspeise Fisch, Süßspeisen usw. Sucht man allerdings nach einem bestimmten Rezept, das man noch im Sinn hatte findet man es nur unter seinem richtigen Namen und nicht unter den Hauptzutaten. Die Tranchen vom Wildschweinsattel findet man also lediglich in der Kategorie Hauptspeisen - Fleisch unter eben jenem Namen, aber nirgends in einem alphabetischen Register unter Wildschwein. Das ist sehr schade und sorgt für die groeßn Punktabzüge in dieser Kategorie.

Persönlichkeit - ★★★★★★☆
Obwohl die Rezepte von so vielen unterschiedlichen Personen kommen hat dieses Buch durch die Aufmachung und das übergreifende Thema Märchen natürlich einen großen Vorteil in dieser Kategorie. Wir alle sind mit den Märchen der Brüder Grimm aufgewachsen und verbinden viele schöne Erinnerungen mit ihnen. Das Design das Buches, die kurze Märchenbeschreibung zu Beginn eines jeden Kapitels und die schönen Grafiken unterstützen das alles sehr gut und führen zu sechs von sieben Sternen. Leider nicht die volle Punktzahl, weil mir dazu zu wenig die Orte der Märchen beleuchtet wurden.

Für den Praxistest habe ich zwei Gerichte für mich gekocht und einmal Freunde für ein Viergangmenü eingeladen, welches ich aus den verschiedenen Rezepten zusammengestellt habe. Es gab ein Kürbissuppe mit leichter Chilinote aus dem Landhaus Bärenmühle, Feldsalat mit Speck und Zwiebeln von Thomas Stöhr aus dem Schloss Freidrichstein in Bad Wildungen, Gebeizter Milchferkelrücken (leider nur mit normalem Schweinerücken) mit Braunbierjus auf Kartoffel-Kresseragout aus dem Hotel Hohenhaus und zum Dessert Gefüllte Nougat-Crêpes-Säckchen mit Birnen-Vanille-Ragout und Zimteis. Ein insgesamt wirklich sehr leckeres Essen. Vorstellen möchte ich an dieser Stelle nur das Kartoffel-Kresseragout, das ich mich bunten Kartoffeln gemacht habe. Wirklich traumhaft lecker, einfach zu beschaffen und schnell gekocht:


Kartoffel-Kresseragout
Kartoffel-Kresseragout

Zutaten:
380g Kartoffeln, auf 0,5cm gewürfelt
20g Butter
1 Schalotte, fein gewürfelt
150ml Geflügelfond
1/2 Bund Brunnenkresse, nur die Blätter
2 EL geschlagene Sahne
Salz, Pfeffer, Muskat
etwas Kresse zum garnieren

Die Kartoffelwürfel in Salzwasser nicht ganz gar kochen. Die Butter in einer Pfanne aufschäumen und die Schalotten darin glasig anschwitzen. Die Kartoffelwürfel und den Geflügelfond zufügen und rasch auf die Hälfte reduzieren. Die Brunnenkresseblätter einschwenken, die Sahne unterrühren, abschmecken und sofort servieren.

Quelle: Märchenhafte Schmeckerlüste, B3-Verlag, 2011, S. 150
Rezept drucken

Praxistest - ★★★★★★☆
Die Zubereitung des Meüs war natürlich sehr aufwändig, aber alle Rezepte haben toll funktioniert und durch die übersichtliche Aufteilung der Rezepte nach Komponenten auch gut vorzubereiten. Leider habe ich keinen Milchferkelrücken bekommen und ein normaler Schweinerücken ist für diese Art der Zubereitung nicht ganz der passende Ersatz, schmeckte aber trotzdem sehr lecker. Wirklich auszusetzen gab es nichts. Manche Dinge hätte ich persönlich vielleicht etwas anders umgesetzt, aber das ist im Endeffekt Geschmackssache und das Rezept kann natürlich nach eigenem Gusto variiert werden. Herausheben möchte ich an dieser Stelle noch das Birnenragout und das Zimteis. Wirklich toll!

Zusammenfassend erhalten wir folgendes, subjektives Ergebnis:

Gesamtwertung - ★★★★★
Märchenhafte Schmeckerlüste ist ein tolles Kochbuch mit einem tollen Thema. Natürlich ist es in gewisser Weise auch ein Werbeprospekt für die Region Nordhessen und alle vertretenen gastronomischen Betriebe. Dieser Werbeaspekt ist aber auf keiner Seite des Buches dominant und schwingt nur so mit, wird von manchem Leser vielleicht garnicht wahrgenommen. Die Rezepte im Buch sind zum Teil sehr aufwändig, weshalb ich Kochanfängern doch eher andere Bücher empfehlen würde. Auch Vegetarier dürften an diesem Buch nicht den allergrößten Spaß haben. Für wen aber ist dieses Buch zu empfehlen? Auf jeden Fall ist es ein Buch für kulinarisch begeisterte Nordhessen, die Rezepte aus ihrer Region lieben und immer auf der Suche nach neuen Location sind, in denen man hervorragend Essen kann. Zudem sollte dieses Buch in jedem Hotelzimmer oder jeder Ferienwohnung liegen als Anreiz, diese Region auch kulinarisch zu erkunden. Jeder von uns weiß, wie wichtig das Essen für eine positive Bewertung des Urlaubs ist. Zudem ist es natürlich ein Buch für Märchenliebhaber und Fans der Brüder Grimm, die nach dem Lesen eines guten Märchens ordentlich Hunger bekommen haben. Und wer als ambitionierter Hobbykoch und Fan einer gehobeneren Küche auf der Suche nach neuen Rezepten ist, macht mit diesem Buch auch überhaupt nichts falsch. Ich selbst werde es auf die Liste möglicher Weihnachtsgeschenke für befreundete Hobbyköche setzen. Für diesen Anlass ist Märchenhafte Schmeckerlüste das perfekte Buch!

Märchenhafte Schmeckerlüste
Märchenhafte Schmeckerlüste - 
Eine kulinarische Reise durch die Heimat der Brüder Grimm
Hardcover mit Schutzumschlag
272 Seiten
ca.400 Abbildungen
erschienen bei B3 Verlag
ISBN 978-3-938783-64-1
29,90 €

Kommentare:

  1. Cool ist das tolle Buch jetzt auch bei Dir eingezogen? ;-) Mich hat es total geflasht und ich bin hin und weg! Aber meine Rezension hast Du ja bestimmt auch schon entdeckt ;)

    Wenn nicht gugg mal :-)
    http://kulinarischeswunderland.blogspot.com/2011/10/willkommen-im-marchenland.html

    Lg Alice

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  2. Eine tolle Review! Vielen Dank, dass du deine Eindrücke mit uns teilst!

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  3. @Alice: Das Buch war sogar schon lange vor dem deinen bei mir eingezogen, aber ich mit eben nicht so fix wie du ;-) Und du hast recht. Es ist ein wirklich schönes Buch, auch, wiel es direkt aus der Heimat kommt. Ich werde jetzt bestimmt mal das ein oder andere Restaurant aus ihm besuchen.

    @Kochmädchen: Dankeschön und gern geschehen :-)

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  4. Ihr lieben, ich grüße euch ganz lieb. Ich verweile derzeit nämlich auch in Kassel :-) :-) :-)

    Das Buch steht auch schon ganz oben auf meiner Liste und wird demnächst ganz dringend gekauft :-)

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  5. Braucht man für das Zimteis eine Eismaschine? Falls nicht, ich wäre am Rezept interessiert. :)

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  6. @Franzi: Bist du für länger in Kassel oder warst du nur zum Kurzbesuch dort?

    @stiller: Ich habe das Eis mit der Eismaschine gemacht und es funktioniert damit sicher besser als von Hand. Aber du kannst es auch in den Gefrierschrank geben und alle halbe Stunde oder auch öfter durchrühren. Das Rezept ist im Prinzip nichts anderes als meine Vanillesoße, bei der in der Milch eine Zimtstange mitgekocht wurde.

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